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VDF Trainer traf FC St. Pauli Fitnesscoach Pedro Gonzalez

Pedro Gonzalez
Ist für die Fitness beim Zweitligisten St. Pauli verantwortlich: Pedro Gonzalez.

...und sprach mit ihm über das Fitnesstraining beim "jetzt" Zweitligisten. Pedro Gonzalez verstärkt seit Januar merklich das Funktionsteam um Holger Stanislawski und ist einer der berühmt-berüchtigten Fitnesscoaches á la Klinsmanns Mark Versteegen. Inwieweit der FC St. Pauli bereits jetzt schon Bundesliganiveau besitzt und welcher St. Pauli Spieler momentan den Titel "Mr. Fitness" trägt, hat er uns in diesem Interview verraten.

Pedro, wie wird man überhaupt Fitnesstrainer bei einem Fußballclub?

"Fitnesstrainer" ist ein sehr dehnbarer Begriff, besonders hier in Deutschland. Da reicht es unter Umständen schon an einem Wochenende in irgendeinem Fitnessstudio einen Schein zu machen, um sich so betiteln zu dürfen. Um einen wirklich guten und ernstzunehmenden Job als Fitnesscoach beim Fußballclub machen zu können, sollte man jedoch zumindest ein sportwissenschaftliches Studium absolviert haben. Andere Länder sind da ohnehin bereits viel weiter, zum Beispiel die Niederlande oder Ecuador, in beiden Ländern gibt es inzwischen eine Ausbildung zum staatlich geprüften Fußball-Konditionstrainer.

Du hast dich hier beim FC St. Pauli quasi "schleichend" ins Funktionsteam der Profimannschaft hochgearbeitet. Begonnen hat alles 2002 mit der A-Jugend, danach wurden die Amateure konditionell auf Vordermann gebracht und seit Januar profitiert die erste Elf von deinem Können. Wie bist du überhaupt damals zur A-Jugend gekommen?

Das war eigentlich eine sehr spontane Angelegenheit. Ich war auf irgendeiner St. Pauli Veranstaltung, welche weiß ich gar nicht mehr, und habe dort zufällig den damaligen A -Jugend Trainer Andy Bergmann getroffen und einfach angesprochen. Außerdem habe ich lange Zeit in der Kastanienallee direkt auf St. Pauli gewohnt und ab und zu mal zum Spaß auf dem Grandplatz am Bunker mitgekickt. Den FC habe ich schon immer geliebt.

Wo liegt der Unterschied zwischen dem Fitnesstraining der A-Jugend Mannschaft und dem des Profiteams (außer, dass letztere sich noch häufiger mit der Leibesertüchtigung beschäftigen dürfen)?

Die A -Jugend Spieler sind einfach noch nicht so belastbar wie die Profis, besonders im Kraftbereich. Da steht dann eher die Koordination im Vordergrund, die Geschicklichkeit wird verstärkt geschult. Besonders in frühen Jahren kann so ein solides athletisches Fundament gelegt werden, das später unverzichtbar ist. Bei der Arbeit mit den Profis gibt es dann keinerlei Rücksicht mehr (lacht), die sind technisch ausgereift und bereits ausgewachsen und werden dementsprechend gefordert. Vormittags trainierst du immer die Eishockeyspieler der Hamburg Freezers und nachmittags geht’s dann in das St. Pauli Trainingszentrum an die Kollaustrasse.

Fällt es manchmal schwer vom Eishockeypuck auf den Fußball umzuschalten?

Manchmal schon, vor allem wegen der sprachlichen Umgewöhnung. Beim Eishockey wird nämlich vorwiegend Französisch gesprochen. Sportlich ist das weniger schwierig. Obwohl es sich um unterschiedliche Sportarten handelt, muss bei beiden eine gewisse athletische Basis vorhanden sein. Bei mir läuft eigentlich alles nach einem Credo: Schnelligkeit und Beweglichkeit sind mit am Wichtigsten, denn nur ein ganzheitlich entwickelter Athlet macht letztendlich den Unterschied, egal ob auf dem Eis oder Rasen. Nur Muskeln reichen nicht, denn die Ausdauer ist wie der Sprit im Tank eines Autos. Viele Übungen, die ich morgens mit den Freezers mache, gibt`s deswegen nachmittags bei den Paulianern gleich noch mal.

Musstest du anfangs "Überzeugungsarbeit" bei den Spielern leisten, oder haben sie deine Trainingsmethoden sofort akzeptiert?

(lacht) Spätestens nach dem zweiten Leistungstest, bei denen die einzelnen Spieler sehen konnten, wie sie sich durch das neue Programm verbessert hatten, ist der Widerspruch verstummt. Jeder Spieler hat seinen individuell auf ihn abgestimmten Trainingsplan und einige, wie Michel Dinzey, haben sogar richtig Lust, sich zu quälen. Vier mal im Jahr bitten wir dann zum großen Leistungstest an der Uni und alle zwei Monate gibt es die komplette Testbatterie mit Sprung-, Laktat- und Sprinttests. Bei der Auswertung werden Punkte verteilt und danach der "Mr. Fitness" gekrönt. Allerdings lebt Stani das auch vor, es ist hauptsächlich seiner Initiative zu verdanken, dass der sportmedizinische Teil jetzt ebenfalls eine entsprechende Beachtung findet.

Wer ist denn dann im Moment der "fitteste" Spieler?

Den Titel hat sich Marvin Braun hart verdient. Fabian Boll beispielsweise hat sich ebenfalls enorm gesteigert, besonders was das Krafttraining anbelangt. Am erfreulichsten an meiner Arbeit ist eigentlich das positive Feedback der Spieler. Dass die Mannschaft in der Rückrunde eine so gute Leistung zeigt, liegt aber vor allem an der Arbeit des gesamten Teams, bestehend aus Prof. Dr. Braumann vom Institut für Sport- und Bewegungsmedizin, Vereinsarzt Dr. Holz, den Physiotherapeuten, der Ernährungsberaterin und selbstverständlich den Trainern. Alle leisten wirklich gute Arbeit und vertrauen den Fähigkeiten des anderen. Ich bin nur ein Teil dieses super Teams. Alleine könnte ich nicht viel bewirken. In einem anderen Interview war zu lesen, dass deine Arbeit auch die Prävention von Verletzungen fördert.

Hat sich das schon merklich ausgewirkt?

Seit Januar wird das "Lazarett" im Vergleich zur Hinrunde wirklich kaum strapaziert. Laut der Liste von Mannschaftsarzt Dr. Holz ist die Verletzungsquote um 40 Prozent gesunken. Das Vorkommen selbst zugezogener Blessuren tendiert sogar gen Null. Wenn allerdings ein Gegenspieler die Blutgrätsche anwendet, dann hilft auch die beste Fitness nichts.

Geht ohne solch ein Funktionsteam aus Sportmedizinern, Trainern und Ernährungsberatern im Profifußball bald nichts mehr?

Im deutschen Fußball muss umgedacht werden. Es sollte verstärkt auf die individuellen Leistungen und Bedürfnisse der einzelnen Spieler eingegangen werden. Sepp Herbergers Gruppen-Waldlauf reicht eben heute nicht mehr, um konditionell konkurrenzfähig zu bleiben. Klinsmann hat angefangen, zusammen mit Mark Versteegen, das Trainingssystem zu reformieren und ist da ja zu Beginn auf starke Widerstände innerhalb der Bundesliga gestoßen. Viele Bundesligavereine haben immer noch keine Ernährungsberater oder Fitnesscoaches. Aber die WM letztes Jahr hat gezeigt, was moderne Trainingsmethoden aus einer Mannschaft herausholen können.

Dann hat der Drittligist St. Pauli einigen Erstliga-Vereinen also etwas voraus?

In diesem Punkt spielen wir durchaus in der ersten Liga. Neulich war ich bei einem Kollegen vom FC Bayern und habe ihm die Leistungswerte unserer St. Pauli Spieler unter die Nase gehalten. Der konnte seinen Augen nicht trauen, denn unsere Fitnesswerte zählen zur Top-Klasse der Bundesliga.

Was sind Deine Pläne nach Saisonende?

Im Sommer werde ich nach Brasilien fahren und mir dort die Trainingsmethoden einiger Vereine angucken. Das wird bestimmt sehr interessant. Außerdem schreibe ich gerade an meiner Doktorarbeit, und ein paar Tennisstunden will ich auch nehmen, damit ich im Tennismatch gegen die Freezers-Spieler nicht zu schlecht aussehe. Meine Arbeit hier möchte ich sehr gerne fortführen. Vielleicht bringe ich dann ja ein paar brasilianische Samba-Elemente mit ins Trainingsprogramm ein. Das liegt einigen Spielern bestimmt, besonders Flo Lechner ist übrigens ein echtes Samba-Talent.

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